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  SIE NANNTEN IHN SCIGHERA

Bereits mit dem Nazca hat Italdesign 1991 ein überzeugendes Konzept eines zweisitzigen Mittelmotor-Sportwagens - damals BMW-motorisiert - vorgestellt. Ganz in dieser Tradition steht der Scighera auf Alfa Romeo-Basis -, der erstmals auf dem Genfer Salon zu sehen war. Stilistisch gereift und mit vielen technischen Raffinessen bestückt, belebt er die Faszination italienischen Automobilbaus und dokumentiert überzeugend den Anspruch eines stilistischen Trendsetters.

Wenn ein Automobil noch Stallwärme der Designschmiede abgibt, die es eben verließ, treten wir gern nahe heran. Weniger, um auf Karosserie oder Fensterflächen nach Fingerabdrücken des Meisters zu fahnden, der letzte Hand anlegte. Es ist dieser seltene Eigengeschmack des Exklusiven und Innovativen, den die Neugierde des Betrachters mit Geheimnissen durchwirkt.

Premierenstimmung sagen die Menschen vom Theater. Roll out nennen die Rennsport-Enthusiasten das Ereignis der ersten Stunde. Es wird uns zur Reise durch die Wunschwelt eines jungen Mannes, den wir fragen: Warum drückt dieser neue Scighera die Nase eines Alfa Romeo in den Gegenwind? Und was bedeutet überhaupt Scighera?



400 PS Motor, Allradkonzept, Sequentielles Getriebe: Der Scighera verkörpert beste Alfa-Rennsporttradition.

Fabrizio Giugiaro heißt der Mann, der antwortet. Er hat die Entwicklung des Coupés betreut, fährt leidenschaftlich Rennautos und ist hauptberuflich Sohn des wohl erfolgreichsten Industriedesigners der Gegenwart, Giorgetto Giugiaro. In dieser Funktion leistet er Geburtshilfe für Konzeptfahrzeuge des Familienunternehmens Italdesign.

Dieser Scighera mit Gesichtszügen eines Alfa Romeo ist das jüngste Werk der Entwicklungsabteilung. Es trägt deutliche Züge automobiler Lieblingsthemen von Italdesign - und ein Alfa-Gesicht. "Alfa Romeo hat sich mit den aktuellen Fahrzeugen weit von seiner historisch gewachsenen Markenkompetenz entfernt", erklärt Fabrizio dazu. "Ein Sportwagen mit innovativer Technik und im Karosseriekleid mit traditionellen Zitaten paßt wieder zum gewohnten Image von Alfa Romeo. Unser Vorschlag heißt deshalb Scighera".

Und was sagt sein Vater? Grundsätzlich hofft er mit dem Bau solcher Studien neue Denkanstöße zu geben, nicht andere zu belehren, aber Kompetenz zu beweisen. Fachkompetenz im Spiel mit Materialien und Formen, mit den Sehgewohnheiten der Betrachter, mit den Erwartungen der Automobilisten, die mit einem Sportwagen bestimmte Vorstellungen verbinden und mit einem Alfa Romeo sowieso.

Nachdem Giugiaro, der Vater, im Jahr 1971 den Alfasud erfand, 1974 den Volkswagen Golf und 1980 den Fiat Panda, blühten die Heckpartien anderer Modelle plötzlich in vielfältiger Formenpracht. Daß viele wieder verwelkten und rasch in Vergessenheit gerieten, darf nicht über die Initialzündung hinwegtäuschen, die Giugiaro mit den Erfolgsmodellen auslöste. Insbesondere der VW Golf hat das Design der automobilen Mittelklasse nachhaltig geprägt.



Fabrizio Giugiaro und "sein" Scighera

Ein Blick zurück ins Italdesign-Jahr 1991, das in Moncalieri bei Turin den Nazca gebar, einen zweisitzigen Forschungs-Prototypen mit V12-Mittelmotor von BMW und Alpina. Der heckgetriebene Nazca mit dem charakteristischen kuppelförmigen Dach entstand nicht ohne einen Seitenhieb auf die im benachbarten Campogalliano ansässige High Tech-Firma Bugatti. Die hatte ihren allradgetriebenen EB 110 nämlich nicht mit Giugiaro-Asthetik eingekleidet, sondern hauseigenem Formen-Patchwork den Vorzug gegeben. Dagegen besaß der Nazca klare Züge und ein klassisches Antriebskonzept mit hinreichend erprobter Serientechnik aus Bayern.

Viele Enthusiasten hofften damals, BMW möge doch eine Kleinserie des Nazca auflegen und ihn zum Nachfolger des BMW M1 erklären, des heute legendären Mittelmotor-Renners. Schließlich entstand auch der M1 einst am Reißbrett von Giugiaro. Aber der Markt für Hochleistungsboliden mit Straßenzulassung verlor im Umfeld krisengeschüttelter Finanzmärkte seinen tragenden Boden. Wie am Jaguar XJ 220 schmolz auch das Interesse zahlungsfähiger Kunden am Bugatti dahin. Und BMW wollte nicht glauben, daß ausgerechnet ein Nazca die große Ausnahme bilden könnte.

Vater und Sohn Giugiaro beschließen, die Fortentwicklung des Nazca-Projektes unter dem Mantel einer anderen Markenidentität zu beschleunigen und wählen Alfa Romeo. Die Entscheidung klingt überzeugend, jedenfalls für italophile Menschen und alle Alfisti, die mit schmerzverzerrtem Gesicht schon viel zu lange zuschauen müssen, wie die mächtige Konzernmutter Fiat mit den Mitteln eines Massenherstellers die Markenidentität von Alfa Romeo "kaputtsaniert". Ein Alfa wird heute schon auf dem (Zulassungs-) Papier als Fiat geführt. Welche Schande für eine Automobilmarke, die einst Enzo Ferrari zum Genie erzog und Juan Manuel Fangio den Weltmeistertitel in der rennsportlichen Königsklasse mit ermöglichte.



Giugiaro und Italdesign präsentieren ihre Art von Hilfestellung für Alfa Romeo auf dem Weg hin zu einer adäquaten Markenidentität.

Jetzt nehmen sich die Giugiaros der Marke an und notieren ins Lastenheft des Scighera auf Seite eins: Sportwagen mit Mittelmotor und Allradantrieb im "Two-Box-Design".

Zwei Passagiere reisen unter der typischen Giugiaro-Fahrgastkuppel, einer gewölbten Glaskonstruktion, die ohne Unterbrechung von A-Säulen aus der Windschutzscheibe in die Seiten- und Deckenverglasung übergeht. Nach Art des Hauses öffnen die zentral über Kopf angeschlagenen Seitenfenster elektromotorisch wie Flügel nach oben, die Tür darunter schwenkt konventionell auf und zu.

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Die meßbare Größe des Interieurs wirkt durch die üppige Verglasung nochmals erweitert. Typisch Giugiaro: Die Flügelfenster können ausgehängt werden und öffnen das Coupé zum T-Roof-Cabriolet. Dann spielt auch die weit in die Flanken greifende Windschutzscheibe ihre Funktionalität aus; die leitet den Fahrtwind um die Schultern der Passagiere herum. Selbst wenn es niemand so nennt: Giugiaro erfand damit das Windschott vorn.



Die geöffnete Kuppel über Fahrgast- und Motorraum

Niemals realisierte ein Hersteller die elektromotorische Verstellung der gesamten Pedalerie im Fußraum über eine fahrbare Bodenplatte. Im Scighera reagiert sie auf Knopfdruck. So findet jeder Pilot am Lenkrad mit verstellbarer Säule seine optimale Sitzposition natürlich auf feinstem Connolly-Leder.

Das innige Verhältnis zwischen Fahrer und Triebwerk sieht Fabrizio Giugiaro als Ausdruck seines gelungenen Sportwagenkonzeptes, im Scighera dargestellt durch die gemeinsame Kuppel über Fahrgast- und Motorraum. Formal wird das Coupé damit in zwei Funktionsbereiche gegliedert: den aggressiv im Gegenwind stehenden Vorderwagen mit Luftleitfunktionen und die dahinter formierte Antriebseinheit mit Kommandozentrale und Kraftwerk. Sehr konsequent: die formale Korrespondenz zwischen konvexer Fahrzeugfront und konkavem Heckabschluß. Eine Formensprache, die der Windkanal diktiert. Keinesfalls als Gag möchte Fabrizio die beiden motorisch absenkbaren Dreiecksformen in der Motorhaube gelten lassen. Sie vergrößern den Luftmengendurchsatz unter beiden Leitwerken zwischen den Lampen vorn und erhöhen den Abtrieb.



Der konkave Heckabschluß steht in gelungener formaler Korrespondenz zur konvexen Fahrzeugform.

Auch konstruktiv demonstriert Italdesign mit dem Scighera, wohin die Reise geht: Um den veränderten Wertschöpfungen im Automobilbau zu genügen, müssen viele Komponenten eines Fahrzeugs separat gefertigt werden können. Deshalb verfügt der Scighera über eine Aluminiumkarosserie, die auf einer tragenden Rahmenkonstruktion ruht. Auch sie ist superleicht ausgeführt und besteht aus Aluminium Kohlefaser-Verbundmaterial.

Den Scighera nur als Maquette auf die Räder zu stellen, entspricht nicht der Italdesign-Tradition. Deshalb steht nicht nur Alfa Romeo drauf, sondern es steckt auch funktionstüchtige Alfa-Technik drin. Etwa der kernige Dreiliter-V6-Motor aus der 164er-Limousine. Er liegt längs ausgerichtet vor der Hinterachse und wird von zwei Turboladern mit Intercooler beatmet. Dem kritischen Betrachter bleibt auch der Kompressor nicht verborgen. Er bläst schon ab Standgasdrehzahl die Turbolader an, um deren Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen und für ein ordentliches Drehmoment schon ab niedrigen Touren zu sorgen. Klingt einfach, rasselt in der Praxis mächtig los, darf aber erst später überzeugen, wenn die Fahrwerkabstimmung endgültig ist.

Auch der Allradantrieb stammt von Alfa, streng genommen allerdings aus den Regalen der Konzernschwester Lancia. Denn vom vielfachen Rallye-Weltmeister Lancia Delta HF Integrale wanderte er in den Alfa Romeo 155 und jetzt in den Scighera. Ebenso verhält es sich mit dem sequentiellen Sechsganggetriebe. Insofern herrscht in dem neuen Zweisitzer weitgehend erprobte Technik vor, die langwierige Testreihen erspart.

Mit dem 432 Zentimeter kurzen, allerdings 198 Zentimeter breiten und nur 115 Zentimeter hohen Zweisitzer gelang ein kompakter, extrem leistungsfähiger Sportwagen, der gute Handlingeigenschaften verspricht. Mit ihm realisiert Fabrizio Giugiaro seinen Traum vom kompromißlosen Rennsportwagen mit Straßenzulassung.



In Bezug zur Innen- und Außenwelt ein in jeder Hinsicht perfekter Gran Tourismo.

Über Möglichkeiten einer industriellen Fertigung des Scighera in Kleinserie wacht sein Vater. Er glaubt an die Wirtschaftlichkeit des Italdesign-Projekts und würde unwesentliche, den Charakter nicht beeinträchtigende Abstriche vom Konzept zulassen. Wie groß das Interesse seitens Alfa Romeo daran ist, zeigen die Reaktionen der Fiat-Konzernspitze auf die in Genf erstmals gezeigte Studie: Sie streben gegen Null. Nicht ein einziges Wort der Anerkennung kam Fiat-Chef Testore beim Besuch des Italdesign-Standes über die Lippen.

Ob Giugiaro damit rechnen mußte? Er verlieh seinem Wunsch-Sportwagen vorsichtshalber einen Namen aus dem Mailänder Milieu: Scighera nennen die Menschen dort den heraufziehenden Nebel, der alles schützend verhüllt - alle Taten, Untaten und wohl auch die Träume. Um ihn vor dem Zugriff der Vergeßlichkeit zu schützen, wird der Scighera demnächst amtlich zugelassen und vom Juniorchef öffentlich bewegt. Und wir rechnen voller Vorfreude aus: 400 PS Leistung für rund 1200 Kilo Gewicht.

Möge der Scighera nicht abkühlen, bevor sich ein Hersteller für ihn erwärmt.

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